Obamas Rede

Das anfangs Unglaubliche ist wahr geworden: Obama war hier und ich habe ihn aus nächster Nähe gesehen! Wow, war ja zunächst eher ein witziger Wunsch, den ich auf dem Blog lanciert habe, und nun hat’s geklappt.

Vielleicht ein anderes Mal noch etwas mehr zur Form mit dem ganzen Drum und Dran und ein paar Fötelis, hier aber mal ein paar Gedanken zum Inhalt der Rede:

Es gab vier Punkte, die mir sehr gefallen haben:

– Obama bezeichnete sich als Weltbürger, als „fellow citizen of the world“. Dass ein amerikanischer Präsidentschaftskandidat ins Ausland reist und öffentlich so gross auftritt und sogar etwas zu sagen hat, ist ein Grund zur Zuversicht. Wir brauchen einen amerikanischen Präsidenten, der sich nicht nur in der Uniform als Weltbürger versteht, sondern in erster Linie als Mensch.

– Obama will Mauern niederreissen „The walls between old allies on either side of the Atlantic cannot stand. The walls between the countries with the most and those with the least cannot stand. The walls between races and tribes; natives and immigrants; Christian and Muslim and Jew cannot stand. These now are the walls we must tear down.“ Wünschen wir ihm Erfolg insbesondere für den Mittleren Osten, wo das Thema der Mauer hohe Aktualität hat.

– Obama will freien und fairen Handel. Wow, das ist mal eine Erweiterung des ewigen „free trade“!

– Und insgesamt war einfach die ganze Rede ein Bekenntnis zu einer friedlicheren, multilateralen, freien Welt, und eine gesunde Umwelt z.B. mit der konkreten Perspektive, die Welt atomwaffenfrei zu machen.

Nun, es gab natürlich auch ein bisschen etwas zu kritisieren:

– Die ganze Rede war etwas zu amerikanisch, ein Teil der Botschaften war eindeutig nicht an die Deutschen gerichtet, und wurden entsprechend von dem Publikum auch nicht so begeistert oder eher gleichgültig aufgenommen. Z.B. der Pathos der Worte „opportunity and prosperity“ zieht einfach nicht so sehr, auch wurde Berlin ein bisschen zu stark mythologisiert und mehr aus der Vergangenheit denn aus der Gegenwart betrachtet.

– Auch etwas schöngeredet waren die amerikanischen Fehler in der Aussenpolitik, die eher allgemein unter der Überschrift: „Wir haben auf beiden Seiten des Atlantiks Fehler gemacht“ abgehandelt wurden.

– Schliesslich schluckte ich etwas leer, als sich nach einem Satz mit den Worten „shared sacrifice“ Applaus erhob. So sehr Realist bin ich wohl nicht, dass ich bei diesem Euphemismus für die Forderung, dass sich auch Deutsche an den wirklich dreckigen Jobs des Krieges in Afghanistan beteiligen sollen, Beifall klatsche.

Insgesamt überwiegt aber deutlich das Positive, auch wenn manche Punkte Menschen in Europa, die die USA nicht so gut kennen vielleicht etwas schräg reinkommen. Man muss wohl akzeptieren, dass die Rede auch an den amerikanischen Wahlkampf gerichtet war.

Wenn sich auch nur ein Teil dieser Perspektiven erfüllt, dann haben wir einen Präsidenten, über den wir uns freuen können. Und ich sage bewusst, „wir“ haben einen Präsidenten, denn (leider?) ist es so, dass die ganze Welt davon betroffen ist, welche Politik die USA machen (abgesehen davon, dass ich die USA eigentlich recht gut mag:-). Es gibt Grund zur Hoffnung, auch wenn das selbstverständliche Risiko besteht, dass Obama zur grössten Enttäuschung in der amerikanischen Geschichte wird. Aber ich sehe die Möglichkeit, dass Obama seine Landsleute inspiriert, und die Aussenpolitik der USA nicht nur in Truppenpotenz sieht, sondern in den Möglichkeiten der internationalen Zusammenarbeit. Hoffen wir, dass den inspirierenden Worten auch inspirierende Taten folgen!

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